"Eine Reise in die Vergangenheit - Interessanter Rückblick unseres ehemaligen Kollegen Herrn Wiskirchen zum 1. Abitur am Franken-Gymnasium Zülpich vor 50 Jahren"

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen

50 Jahre Abitur am Franken-Gymnasium Zülpich

Wenn am 28. Juni 2019 die diesjährige Abiturientia des Franken-Gymnasiums Zülpich ihre Zeugnisse ausgehändigt bekommt, dann ist das für die meisten Schülerinnen und Schüler der Abschluss einer 8-jährigen gymnasialen Schulzeit, den es gebührend zu feiern gilt. Den wenigsten aber wird bewusst sein, dass es ein Doppeljubiläum ist, denn mit ihnen werden 15 Ehemalige die 50. Wiederkehr ihres Abiturs vom 28.05.1969 feiern.


Dieses erste Abitur war der krönende Abschluss einer längeren Entwicklung des höheren Schulwesens in Zülpich. Seit 1947 firmierte die Schule zunächst als Zubringerschule mit den Klassen Sexta bis Untertertia (= Klassen 5 – 8). Für Ostern 1962 genehmigte die Schulbehörde die Bezeichnung Progymnasium, was für die Schüler bedeutete, dass sie bis zur Untersekunda (=Klasse 10) in Zülpich bleiben und mit der sogenannten „Mittleren Reife“ ihre Schulzeit beenden konnten. Wer das Abitur machen wollte, musste entweder auf ein Vollgymnasium nach Düren oder nach Euskirchen wechseln; er wurde zwangsläufig Fahrschüler.
Mit der Anerkennung als Progymnasium war die Planung und Erstellung eines Neubaus verbunden, der 1964 an der jetzigen Stelle eingeweiht wurde – in der heute üblichen Benennung heißt er „Altbau“ – und der das alte Schulgebäude am Kölntor nach über 50-jähriger Nutzung ersetzte. Mit dem neuen Direktor Dr. Rohr brachte der Wechsel in der Schulleitung auch einen dynamischen Verfechter des Ausbaus zur Vollanstalt mit 9 Klassen von Sexta bis Oberprima.
Es ergab sich eine sehr günstige Konstellation für die damalige Zeit. Drei Faktoren spielten zusammen. Kritiker der bestehenden Schullandschaft in der Bundesrepublik, allen voran Georg Picht, beschworen eine bevorstehende Bildungskatastrophe, wenn nicht auch das Grundverständnis der Demokratie in der Schule umgesetzt werde. Es solle keine elitäre Bildung geben, durch die nur die Kinder der gesellschaftlichen Oberschicht praktisch den 10-prozentigen Abiturientenanteil eines Jahrganges stellten. Schlagworte wie „Chancengleichheit“ und „Ausschöpfung der Begabungsreserven“ machten die Runde und führten zu einer verstärkten Gründung von Gymnasien auf dem Lande. Hinzu kamen neben dem engagierten neuen Schulleiter einige Zülpicher Politiker, wie Stadtdirektor Trimborn und Bürgermeister Peiffer, die eine reelle Chance sahen, etwas für die Attraktivität Zülpichs tun zu können. Im Zeichen des Wirtschaftswunders und der Wiederaufbauleistung begünstigte die allgemeine Finanzlage eine solche Entscheidung.


Das dritte Moment war die Umstellung des Schuljahres von Ostern auf Herbstbeginn. War der Ausbau zur Vollanstalt nach langwierigen Verhandlungen schließlich zu Ostern 1967 von der Bezirksregierung genehmigt worden, so profitierte Zülpich von der Einführung der Kurzschuljahre, indem der Termin auf den 01.12.1966 vorgezogen wurde, weil man sonst bis Herbst 1967 hätte warten müssen, bis die erste Obersekunda (=Klasse 11) eingerichtet worden wäre. So erlebten die ersten Schülerinnen und Schüler gleichsam ein vorgezogenes G 8. Denn von Ostern bis Dezember 1966 waren sie noch Untersekundaner, ab Dezember für ein gutes halbes Jahr Obersekundaner, ab 01. August 1967 Unterprimaner und ab 01. August 1968 Oberprimaner. Sie hatten also „nur“ zweieinhalb Jahre die Oberstufe besucht.


Nach seiner Referendarszeit am Beethoven-Gymnasium in Bonn war Hans-Helmut Wiskirchen mit dem 01.09.1966 als Studienassessor dem „Gymnasium in Entwicklung“ zugewiesen worden. Der Schulleiter setzte ihn zum 01.12.1966 als Ordinarius der ersten Oberstufenklasse ein. Wenige der damals 16 Kollegen hatten aus früherer Zeit Abiturerfahrung und hatten sich bewusst „weggeduckt“. So musste der junge Assessor ohne jegliche Erfahrung im Abiturbereich alles auf sich nehmen, was dieses Neuland mit sich brachte. Der Anspruch des Schulleiters war, dass beim ersten Abitur für das Schulkollegium in Düsseldorf, das für die Gymnasien in Nordrhein zuständig war, alles so perfekt lief, dass es keinerlei behördliche Beanstandungen geben konnte. Unter diesem Leitgedanken musste Herr Hans-Helmut Wiskirchen ans Werk gehen. Rat und Hilfe konnte er sich dank familiärer Beziehungen im Sekretariat des Emil-Fischer-Gymansiums in Euskirchen holen. Und die damalige Sekretärin des Gymnasiums Zülpich, Frau Dierks, war bereit, so viele Überstunden zu machen, bis alles „düsseldorfreif“ ausgefüllt war.


Jede Schülerin und jeder Schüler musste als letzte Deutsch-Klassenarbeit einen Lebenslauf mit Angabe des Berufswunsches schreiben. Enden musste der Aufsatz mit der Bitte an den Schulträger, zur Reifeprüfung zugelassen zu werden. Gleichzeitig musste der Klassenlehrer über jeden Schüler ein Gutachten schreiben, in dem er dessen Fähigkeiten und Charaktereigenschaften analysierte und die Würdigkeit für das Ablegen der Reifeprüfung darstellte. Der Wortlaut dieser Gutachten musste vom Klassenlehrer vor dem ganzen Lehrerkollegium vorgetragen werden, das andere Formulierungen oder andere Sichtweisen auf die junge Persönlichkeit einbringen konnte. Auch die Bürokratie war aufwendig. Ohne Computer mussten mit der Schreibmaschine z. T. handschriftlich Notenlisten und Tabellen zur Herkunft des Schülers / der Schülerin und ihre Leistungsentwicklungen in der Oberstufe zusammengestellt werden. Ein Punktesystem als Bewertungsgrundlage und einzubringende Kurse nach individueller Wahl waren noch unbekannt. Zum Glück waren es damals nur 15 Abiturienten.
Und der Schulleiter konnte dank der sorgfältigen Zuarbeit in Düsseldorf glänzen: es war alles perfekt, nichts wurde beanstandet. Das hieß für die Zukunft, dass Düsseldorf der Verwaltung und Schulleitung des Gymnasiums Zülpich vertraute und erst Jahre später die Schulaufsicht sich zur Kontrolle wieder einstellte.


Bedingungen des alten Abiturs


Im Gegensatz zu heute wurden die Abiturienten schriftlich in den vier festliegenden Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch geprüft. Die Themenstellung oblag ganz dem Fachlehrer und war nicht – wie beim Zentralabitur – von oben vorgegeben, sondern entsprang dem vom Fachlehrer erteilten Unterricht. Sie wurde von den Fachdezernenten im Schulkollegium Düsseldorf auf ihre Angemessenheit und das korrekte Leistungsniveau hin überprüft. Auch die Korrektur der Klausuren war Domäne des Fachlehrers ohne bestellten Zweitkorrektor. Man hatte Vertrauen in die einzelne Lehrkraft und die Richtigkeit der erteilten Zensur. Nur bei diesem ersten Abitur wurden sämtliche Klausuren von dem zuständigen Schuldezernenten bzw. den Fachdezernenten gegengelesen. Auch hier gab es keinerlei Beanstandungen der von den Fachlehrern erteilten Noten.


Das mündliche Abitur diente einmal der Festlegung der endgültigen Note bei Klausurabweichungen, zum anderen mussten alle Schüler, wenn keine Klausurabweichungen vorlagen, sich zwei Prüfungen unterziehen. Diese (Neben-)Fächer wurden von den Fachlehrern in einer speziellen Konferenz festgelegt. Die Prüfung fand zudem vor dem gesamten Lehrerkollegium statt, wobei der Fachprüfer und die Fachkommission die erreichte Note festlegten. Der Prüfling saß also allein vor ca. 16 Lehrern, die zuhörten und sich ein Bild von der Qualität des Unterrichtes bzw. dem Leistungsvermögen des Prüflings machen konnten. Der Prüfungsraum war damals als größter Raum der Schule der Zeichensaal, die heutige Lehrerbibliothek. Unterricht fand bis zum Tage vor der Prüfung statt; es gab keine unterrichtsfreie Vorbereitungszeit oder gar Abiturstreich und Mottowoche.


Im Jahre 1969 war klar, dass ein Prüfungsdezernent aus Düsseldorf den Vorsitz hatte und zugleich sich ein Urteil über die Qualität der Schule, ihrer Leitung, ihrer Lehrer und die Leistung der Prüflinge bildete. Auch auf diese Rückmeldung kam es an, ob das Gymnasium
Zülpich auf die jährliche Überwachungsliste, d.h. Prüfungsvorsitz durch einen Dezernenten, gesetzt werden musste oder ob man der Schulleitung vertrauen konnte.


Die Strategie des Schulleiters ging auf, getragen von dem Engagement der betreffenden Lehrer. Sowohl der formale Teil (Unterlagen) als auch schriftliche und mündliche Leistungen imponierten dem Dezernenten, so dass über mehrere Jahre hinaus keine „Kontrolle“ mehr erfolgte.
Dieser Erfolg wurde ausgiebig in der damaligen Stadthalle gefeiert. Und was vielleicht ein einmaliges Phänomen ist: die Abiturientinnen und Abiturienten unternahmen nach ihrer Verabschiedung mit ihrem (ehemaligen) Klassenlehrer sogar noch eine gemeinsame 8-tägige Fahrt nach München, obwohl sie schon nicht mehr im rechtlichen Sinne Schüler des Gymnasiums waren.


Dieser erste Abiturjahrgang des „Städtischen Gymnasium Zülpich“, das damit auch die Bezeichnung „in Entwicklung“ ablegen konnte, war als Obersekunda Sendbote Zülpichs in dem beginnenden Schüleraustausch mit Frankreich. 1967 fuhr diese Klasse unter ihrem Klassenlehrer Wiskirchen und in Begleitung der Französisch-Kollegin Frau StD´ Natalie Goetzfried nach Vitre in der Bretagne, wo drei Wochen zur Verfügung standen, Ressentiments und Vorurteile zu überwinden, die noch Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges darstellten. Auch hier erfüllten die Beteiligten ganz im Sinne der Schulleitung ihre Mission und schufen die Grundlage für eine Annäherung. Erst danach wurde der Kontakt zu Blaye geknüpft. Was heute undenkbar ist, eine dritte Fahrt, die eigentliche Oberstufenfahrt, führte die Unterprima 1968 nach Berlin, der damals noch geteilten Stadt. Gerade die Erfahrung der politischen Spaltung in Ost und West hinterließ einen nachhaltigen Eindruck bei allen Beteiligten.


Dieser Rückblick zeigt auf der einen Seite die Erfolgsgeschichte des Vollgymnasiums Zülpich, das seinen festen Platz in der gymnasialen Schullandschaft des Kreises Euskirchen gefunden hatte, bildet aber zugleich den Bezugspunkt, um zu erkennen, welcher Wandel sich in der Schullandschaft in den 50 Jahren zwischen 1969 und 2019 vollzogen hat. Daher gilt mein Glückwunsch denen, die als erste die Abiturprüfung an dieser Schule ablegten, aber auch denen, die sich als diesjährige Abiturientia diesem markanten Einschnitt gestellt haben und die erste Bewährungsprobe für das eigene Leben erfolgreich bestanden haben.


Herzlichen Glückwunsch an die alte und die neue Abiturientia zugleich!


Hans-Helmut Wiskirchen, StD. i. R.